Vor einigen Wochen schickte uns der Arzt mit der Mitteilung nach Hause: „Ihr Vater hat Demenz.“ Wir, mein Bruder und ich, fragen uns jetzt, was wir tun müssen. Sein Zustand hat sich in letzter Zeit nicht viel verändert.   

Es ist gut möglich, dass der Zustand Ihres Vaters noch eine ganze Weile stabil bleibt und, dass er ohne Hilfe von außen sein Leben noch einigermaßen selbständig führen kann. Bleiben Sie wachsam und gehen Sie aktiv vor.  Sie können sich auf das vorbereiten, was möglicherweise auf Sie zukommt, indem Sie sich über das Krankheitsbild informieren. Eine Reihe an Broschüren und Internetadressen finden Sie auf dieser Webseite.   

Der „Praktische Ratgeber für Senioren“ informiert Sie über die ganze Bandbreite an Unterstützungsmöglichkeiten die es im häuslichen Umfeld gibt. Lassen Sie sich von einem der beschriebenen sozialen Dienste beraten.

Für den Demenzkranken gilt, dass er, vielleicht gemeinsam mit seinem Partner oder einem Familienmitglied, Alten- oder Pflegeheime besucht, um sich einen Eindruck über die jeweiligen Angebote zu machen und so eine klare Präferenz für sich selbst aussprechen zu können. Auf diese Weise kann seine Familie ihn bei den nötigen präventiven Schritten unterstützen, die ihm eine Aufnahme in dieser Struktur ermöglichen, falls die Situation eintritt, dass ihn seine Familie nicht mehr zu Hause pflegen kann. Es ist besser Entscheidungen zu treffen, wenn man nicht unter Zeitdruck steht. Einen Überblick über die bestehenden Alten- und Pflegeheime finden die Betroffenen im 4.Kapitel des „Praktischen Ratgebers für Senioren“, sowie im „Relevé des services pour personnes âgées.“

http://www.gouvernement.lu/3936440/releve-services-pour-personnes-agees.pdf

http://www.luxsenior.lu/online/www/nav_content/17/2845/FRE/index.html

Bis jetzt konnte ich die Pflege meiner Mutter ziemlich gut organisieren. Ich besuche sie einige Male pro Woche, erledige ihre Einkäufe und hole die Wäsche. Ich koche jeden Tag etwas mehr, was sie am nächsten Tag aufwärmen kann. In letzter Zeit merke ich jedoch, dass der Druck größer wird. Sie verlangt immer mehr. Manchmal vergisst sie, dass ich da war und beschuldigt mich, dass ich sie vernachlässige. Ich spüre, dass ich es langsam nicht mehr aushalte. Ich brauche eine Auszeit. Auch meine Familie beginnt unter der Situation zu leiden.

Die Pflege einer Person mit Demenz ist eine schwere Aufgabe, die mit dem Verlauf der Krankheit gröβer wird. Jeder Mensch möchte dem betroffenen Familienmitglied bestmöglich helfen und versucht alle seine Kraft zu geben, damit es dieser Person gut geht. Jeder braucht aber auch Kraft für sich. Nicht nur für Sie selbst, sondern auch für die erkrankte Person wäre es schlimm, wenn Sie eines Tages völlig zusammenbrechen. Überlegen Sie möglichst früh, welche Aufgaben Sie selbst übernehmen wollen und können und für welche Bedürfnisse Sie auf Hilfe von außen zurückgreifen wollen. Nehmen Sie diese früh in Anspruch!

Im „Praktischen Ratgeber für Senioren“ finden Sie eine Beschreibung der bestehenden Angebote in Luxemburg.  Es kann sein, dass sich die pflegebedürftige Person zunächst gegen Hilfe von außen wehrt. Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen. Bestätigen Sie, dass es für sie beide nicht einfach ist, Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen, aber dass es nicht mehr anders geht. Durch die Hilfe von außen gewinnen sie beide an Lebensqualität, und es bleibt mehr Zeit für gemeinsame Momente.

http://www.gouvernement.lu/3936440/releve-services-pour-personnes-agees.pdf

http://www.luxsenior.lu/online/www/nav_content/17/DEU/index.html

Meine Frau erkennt mich oft nicht mehr, und damit komme ich schwer zurecht. Manchmal ist sie freundlich und behandelt mich wie einen Besucher. Sie kann jedoch auch ängstlich oder aggressiv sein, weil sie glaubt, dass ich ein Eindringling bin. Vorige Woche ging ich in den Garten und sie schloss die Tür hinter mir ab. So konnte der Einbrecher nicht wieder hereinkommen. An einigen Tagen erkennt sie mich jedoch noch als ihren Mann.   

Wenn die Rollen nicht mehr stimmen, fühlen wir uns verletzt. Das kann sehr schmerzhaft sein. So geht es auch der Tochter, die jetzt immer mehr die Mutter ihrer eigenen Mutter wird. Auch hier gilt die Regel: „Je mehr Sie versuchen, den anderen vom Gegenteil zu überzeugen, desto mehr Widerstand erhalten Sie.“ 

Wenn Ihre Frau Sie nicht erkennt, hat das wahrscheinlich damit zu tun, dass sie sich in einer Zeit befindet, bevor sie Sie kannte. Das Bild des vertrauten Ehemanns ist weg, sie sieht einen fremden Mann, einen Eindringling. Sie können versuchen, den Kontakt zu ihr wiederherzustellen, indem Sie Verständnis für ihre Ängste und Zweifel aufbringen. Dies schafft neues Vertrauen, ist jedoch eine sehr schwere Aufgabe. Daher ist es nötig, dass auch Sie ausreichend unterstützt werden. Schämen Sie sich nicht, Ihre Gefühle der Trauer und Ihre Verzweiflung Menschen mitzuteilen, die Ihnen sehr nahe stehen oder das gleiche Schicksal teilen. Hilfe können Sie in Kursen für pflegende Familienangehörige, Gesprächsgruppen oder Beratungsgesprächen finden. Informieren Sie sich über die bestehenden Angebote und wählen Sie Ihr Angebot aus.

Meine Mutter kann sich nicht mehr selbst versorgen. Sie schafft es nicht mehr, ein einfaches Frühstück zuzubereiten, geschweige denn ein Mittagessen. Ich besuche sie jeden Tag, um ihr beim Haushalt zu helfen. Das ist jedoch schwer. Sie will das Heft nicht aus der Hand geben, sie will alles noch selbst erledigen und duldet nicht, dass man sich einmischt. Ich kann nicht zusehen, wie sie alles falsch macht. Meine Geduld ist nicht endlos. Dies führt immer zu einem heftigen Streit.   

Sie möchten, dass Ihre Mutter den Tag sicher übersteht, und Sie sind gern bereit, ihr dabei zu helfen. Ihre Mutter will jedoch sich selbst und ihrer Umgebung beweisen, dass sie keineswegs hilfsbedürftig ist. Diese entgegengesetzten Sichtweisen müssen zu einem Streit führen. Es ist eine Kunst, eventuell korrigierend einzugreifen und dabei gleichzeitig auf das Selbstwertgefühl Ihrer Mutter zu achten und ihr das Gefühl zu vermitteln, dass sie in ihrem Haushalt noch das Sagen hat. Dabei kann es hilfreich sein, wenn Sie Ihre Unterstützung als Frage anbieten. Wollen wir anfangen, das Mittagessen zu kochen? Welches Gemüse wolltest du machen? Ist das, das richtige Spülmittel? Ist das Wasser warm genug? Auf diese Weise vermitteln Sie ihr das Gefühl, dass sie noch alle Fäden in der Hand hat. Sie werden erstaunt sein, wie schnell sie Ihnen die Entscheidungen überlässt. In diesem Fall „gibt“ sie Ihnen jedoch die Entscheidungsbefugnis und sie hat nicht das Gefühl, dass sie ihr „genommen“ wird.   

Immer wenn sie etwas selbst tun möchte und es viel langsamer geht, als wenn Sie selbst es erledigen würden, müssen Sie ihr helfen. Das wird Ihnen noch mehr Geduld abverlangen. Versuchen Sie, sich durch die Momente berühren zu lassen, in denen Ihre Mutter bestimmte Arbeiten mit etwas Hilfe oder Unterstützung noch selbst erledigen kann. Versuchen Sie, sich über ihren starken Lebenswillen zu freuen und sich in sie hineinzuversetzen. Geduld erhält dann eine ganz andere Dimension.

Mein Vater kann nicht mehr mit Geld umgehen. Früher war alles ordentlich geregelt: Zu Neujahr erhielt jeder den gleichen Betrag in einem Umschlag, regelmäßig wurde eine Summe auf das Sparkonto eingezahlt und die Rechnungen wurden immer rechtzeitig bezahlt. Jetzt hebt er bei passender und unpassender Gelegenheit viel Geld ab, kauft Sachen, die er nicht braucht und spendet horrende Summen an Wohltätigkeitsvereine, während die Stromrechnung nicht bezahlt wird. Mein Bruder sieht diese Probleme nicht. Er findet, dass ich mich nicht in die Geldgeschäfte meines Vaters einmischen soll.   

Der Umgang mit Geld und die Verwaltung von Gütern werden für Menschen mit Demenz sehr schnell zu einer schweren Aufgabe. Einige werden sehr argwöhnisch durch die Unsicherheit, die damit einhergeht. Andere machen Fehler, verstecken dies vor der Umgebung, bis ein Bußgeldbescheid im Briefkasten liegt oder vielleicht sogar ein Gerichtsvollzieher vor der Tür steht. Um die Finanzgeschäfte Ihres Vaters zu regeln, können Sie rechtliche Möglichkeiten nutzen. Wenn alles ordentlich abgewickelt wird, wird das Risiko minimal sein, dass es hinterher zu Diskussionen kommt.

Mein Auto, meine Freiheit! Noch nie war dies so wichtig für meinen Mann. Es ist unvertretbar, dass er noch Auto fährt. Er ist jedoch fest entschlossen, diese Freiheit nicht aufzugeben. Muss ich tatenlos zusehen, bis etwas Schlimmes passiert?

Sie können versuchen, den Stress im Verkehr anzusprechen und darauf hinweisen, wie schwer es auch für Sie ist, sich sicher auf der Straße zu bewegen. Vielleicht bringt ihn das zur Einsicht. Ob Sie Erfolg haben, ist jedoch zweifelhaft, denn Ihr Mann wird höchstwahrscheinlich um jeden Preis beweisen wollen, dass er noch gut fahren kann.

In dem Fall sollten Sie an den Verantwortlichkeitssinn Ihres Hausarztes appellieren. Dieser muss hinter Ihrer Entscheidung stehen und Ihrem Mann klar machen, dass er nicht mehr Auto fahren kann. Wird jemand für fahruntüchtig erklärt, ist dies für den Betroffenen sehr schlimm. Dieses Gefühl sollten Sie nicht verharmlosen. Bringen Sie Verständnis für diese Verlusterfahrung auf, indem Sie bestätigen, dass es tatsächlich schlimm ist.